Im Gespräch mit der Industrie

Hoffnung Generationswechsel: Digitalisierungsschub durch jüngere Geschäftsleitung

Wird die nachkommende Generation Bauunternehmer die Branche digitaler machen?

Ein Hauptgrund für Digitalisierung in Baubetrieben war in den letzten Jahren die Pandemie und die damit einhergehende Notwendigkeit, standortunabhängig arbeiten zu können. 

Dass dies trotz allem noch nicht zu einer Anpassung des Digitalisierungsgrades an andere Branchen geführt hat, belegen aktuelle Studien. Ein Treiber für Digitalisierung und Innovation, der in unseren Interviews öfter erwähnt wird, ist der Generationswechsel, der sich nach und nach durch die Bauunternehmen zieht. Wir haben darüber mit Niels Baldauf von Karl Wolf GmbH & Co. KG gesprochen, der nun seit etwas mehr als zwei Jahren im Familienbetrieb tätig ist. 

Sein Vater leitet das mittelständische Familienunternehmen in vierter Generation, seit 2021 hat Niels Baldauf Prokura. Als Quereinsteiger aus der Automobilbranche hatte er bereits Erfahrungen in verschiedenen Konzernen in der Projektsteuerung und im Einkauf gesammelt, dann wollte er gerne in ein kleineres, agileres Unternehmen wechseln. Da er sich außerdem sehr für den Bausektor interessiert, lag das Familienunternehmen auf der Hand. 

Die Karl Wolf GmbH & Co. KG mit 60 Mitarbeitenden ist im Raum Unna (NRW) tätig. 1908 gegründet, blickt das Unternehmen auf über ein Jahrhundert Erfahrungen im Tief- und Hochbau zurück. 

Der Einstieg 

Niels Baldauf hat den Tiefbaubereich schrittweise übernommen, während sein Vater Jens Baldauf den Hochbau weiter führt. Gleich zu Beginn seiner neuen Aufgabe standen Vertragsverhandlungen an zu Verträgen, die über mehrere Jahre laufen. Da konnte Niels Baldauf direkt seine Erfahrungen aus dem Einkauf und Controlling nutzen, um den Vertrag datengestützt zu verhandeln. 

“Ich habe den ganzen Vertrag inklusive der umfangreichen Leistungsverzeichnisse einmal komplett auf den Kopf gestellt. Ich habe unsere Daten genommen, um alle Positionen genau auszurechnen und konnte so an einigen Stellschrauben drehen. Das war natürlich ein Vorteil gegenüber anderen Unternehmen.”

Mit diesem Einstieg und täglichen Einzelgesprächen mit seinem Vater zu unternehmens- und bauspezifischen Themen hat Baldauf sich schnell in der Firma zurechtgefunden. Nachdem die Vertragsschließung auch dank seiner Vorgehensweise erfolgreich verlaufen war, begann er damit, die Buchhaltung zu digitalisieren. So konnte er die Prozesse analysieren, optimieren und sicherstellen, dass kein Wissen mit dem Ausscheiden von Mitarbeitenden aus der Firma verloren geht. 

“Unser Buchhalter ist dieses Jahr in Rente gegangen und das haben wir zum Anlass genommen, mit anderthalb Jahren Vorlauf, die Finanzbuchhaltung zu digitalisieren. Da muss man nicht nur alle Prozesse genau kennen, sondern auch noch rechtliche Vorschriften beachten, deshalb hat es seine Zeit gedauert.”

Der Mehrwert einer Digitalisierung dieser Informationen ist für Niels Baldauf klar: Rechnungen und Lieferscheine sind auf Knopfdruck verfügbar, Verträge müssen nicht mehr zeitaufwendig im Archiv gesucht werden. Auch um überhaupt die Möglichkeit der Auswertung von gesammelten Daten zu haben, müssen diese digital zur Verfügung stehen. Die dadurch realisierbaren, genauen Kalkulationen schaffen Vorteile gegenüber anderen Unternehmen, wie sich bei der oben beschriebenen Vertragsverhandlung zeigte. 

Zusammenspiel von bereits gemachten Erfahrungen und Innovationsdrang

Als Sohn des Geschäftsführers direkt in eine leitende Position einzusteigen, ist sicherlich nicht so einfach, wie es erstmal klingt. Um nicht dem Klischee des Nachfolgers zu entsprechen, der alles für selbstverständlich hält, war es Niels Baldauf wichtig, schnelle eine zu ihm passende Rolle im Unternehmen zu finden. Als Quereinsteiger war ihm bewusst, dass er gerade zum Thema Bau nicht allzu viel beizutragen hat. Daher ging es ihm von Anfang an darum, den Mitarbeitenden auf seine Art einen Mehrwert zu bringen.

“Unseren Betrieb gibt es seit über 100 Jahren, das heißt, so viel kann die Firma nicht falsch machen. Die Prozesse sind so über die Zeit gewachsen und durchdacht. Für mich besteht die Herausforderung darin, mich in der Firma zu positionieren durch Veränderungen, die sinnvoll sind für das Unternehmen.”

Dabei profitiert Niels Baldauf sehr von den Erfahrungen seines Vaters. Er muss Dinge nicht erst ausprobieren, sondern kann sich über neue Ideen immer erstmal austauschen. Sein Vater kennt die Prozesse im Unternehmen wie kein Zweiter, ebenso den Markt und vor allem die Kundinnen und Kunden. So entsteht eine Kombination aus Innovationsdrang und Erfahrung, welche schon erfolgreich zu Optimierungen der Abläufe im Unternehmen geführt hat. 

Auch in Anbetracht der aktuellen Marktsituation, mit vielen Bauunternehmen, bei denen die Nachfolge noch unklar ist, bieten sich der Firma viele Chancen. Wegbrechende Konkurrenz birgt das Potenzial, Marktanteile dazuzugewinnen. 

Digitalisierung als Teil der strategischen Ausrichtung

Niels Baldaufs Eintreten ins Unternehmen hat in mehreren Bereichen für mehr Digitalisierung gesorgt. Neben der Anwendung von digitalen Projektmanagementtools, beschäftigt sich die Firma auch mit dem Thema BIM. 

“Die großen Unternehmen sind da schon ganz gut aufgestellt. Wir schauen gerade vor allem, wie wir das mit den Partnerunternehmen hinbekommen. Gerade die Handwerksunternehmen mitzunehmen, ist ja das Wichtige. Aber aktuell geht es erstmal darum, unsere Architekten und Statiker da zusammenzubringen.”

Ihm ist bewusst, dass BIM immer relevanter wird, aber auch, dass es aktuell gerade für mittelständische Unternehmen noch dringendere Themen gibt. Um für die Zukunft des Bauens gut aufgestellt zu sein, beschäftigt sich Baldauf mit dem Thema der Robotik. Die Zukunftsvision der Firma ist der Einsatz von 3D-Druckern sowie Robotern, die Mauersteine setzen können. Dies ist in seinen Augen ein sehr spannender Bereich für den Neubau. 

In all diesen Dingen profitiert Baldauf von seinen Erfahrungen in anderen Unternehmen. Er ist davon überzeugt, dass es wichtig ist, die Berufslaufbahn nicht direkt im Familienbetrieb zu starten: 

“Wenn man vorher in einem anderen Unternehmen war, hat man einen ganz anderen Blick auf die Dinge. Selbst aus der Automobilindustrie bringt man Sachen mit, die ein Bauunternehmen weiterbringen. Denn jedes Unternehmen macht irgendetwas richtig gut.”

Wovon Niels Baldauf außerdem profitiert, ist sein Netzwerk. Er hat Bekannte in Beratungsfirmen, mit welchen er sich gerne austauscht. Des Weiteren nutzt er jede sich bietende Möglichkeit, um dazuzulernen, was digitale Lösungen für die Baubranche betrifft. 

“Es gibt viele Angebote, die man mitnehmen kann, Mittelstand 4.0 oder der Kontakt mit Startups. Ich finde auch das ganze Thema Robotik und Augmented Reality total interessant.”

Ein weiterer Vorteil für das gesamte Unternehmen, den der Generationswechsel mit sich bringt, ist die Möglichkeit zur langfristigen Planung. Ist die Nachfolge gesichert, erhöht sich die Investitionsbereitschaft der Geschäftsführung, wovon alle profitieren. Zudem ist es Eltern in der Regel wichtig, ihren Nachwuchs bestmöglich für die Zukunft aufzustellen.

Erfahrungen in Führungspositionen

Zwar war Niels Baldauf in seiner vorherigen Laufbahn Projektleiter im Einkauf, hatte dort allerdings keine personelle Führungsverantwortung. Nichtsdestotrotz hatte er keine Schwierigkeiten, sich in die neue Rolle einzufinden. Da das Unternehmen seit Jahrzehnten von der Familie geführt wird, ist er mit dem Unternehmertum groß geworden. Schon seit er klein war, hat er den Umgang seines Vaters mit Mitarbeitenden mitbekommen, sodass ihm das nicht schwerfiel. Die Erfolgsbilanz seiner ersten Veränderungen hat ihm zusätzliches Vertrauen der Mitarbeitenden eingebracht, was seiner Meinung nach essenziell ist. 

“Unsere Mitarbeitenden haben mir den Einstieg nicht schwer gemacht. Man merkt, dass sie motiviert sind, bei den Veränderungen mitzumachen und das ist auch das allerwichtigste: die Leute mitzunehmen. Denn ohne die funktioniert es einfach nicht.”

Digitalisierungsschub dank Generationswechsel 

Im Falle der Karl Wolf GmbH & Co.KG hat die nachfolgende Generation definitiv dafür gesorgt, dass die Firma anderen ein Stück voraus ist, was Innovation und digitale Lösungen angeht. Mit Niels Baldauf als ersten Ansprechpartner und Zuständigen für diesen Bereich, wurde die Transformation beschleunigt. Dies hatte in erster Linie damit zu tun, dass er in vorherigen Unternehmen gesehen hat, welchen Mehrwert Digitalisierung bringt. Außerdem denkt er an seine Kundinnen und Kunden: 

“Wir konzentrieren uns bei der Digitalisierung auf die Punkte, die für uns und unsere Kundinnen und Kunden Sinn ergeben. Und wenn ich jetzt ein Haus für mich selbst bauen wollte, dann würde ich das auf jeden Fall in 3D sehen und dadurch laufen können.”

Die jüngere Generation Geschäftsführender kann sich leichter mit der Zielgruppe von heute und morgen identifizieren und versteht ihre Erwartungen. Auch wenn die ältere Generation sich nicht darauf ausruhen sollte, besteht Grund zur Annahme, dass die nachfolgenden Geschäftsführenden für einen Digitalisierungsschub in der Baubranche sorgen.

Veröffentlicht von

Berit Behler

9.11.2022

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